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Analyse Trepublica-Blog

Warum trotz allem jetzt der richtige Zeitpunkt für nachhaltiges Handeln ist

Ange­sichts des Krie­ges in der Ukrai­ne und der schreck­li­chen Nach­rich­ten und Bilder, die uns seit dem 24. Febru­ar täg­lich errei­chen, hat der Ende Febru­ar ver­öf­fent­lich­te neue Teil­be­richt des Welt­kli­ma­ra­tes nicht die ihm eigent­lich gebüh­ren­de öffent­li­che und media­le Auf­merk­sam­keit erfah­ren. Dass nach­hal­ti­ges Denken und Han­deln aber auch in Kri­sen­zei­ten wich­tig und rich­tig ist, zeigt ein Blick in die Geschich­te des Nachhaltigkeitsbegriffs.

Am 28. Febru­ar 2022 hat der Welt­kli­ma­rat (IPCC) seinen Teil­be­richt „Folgen, Anpas­sung und Ver­wund­bar­kei­ten“ zu den Aus­wir­kun­gen der Kli­ma­kri­se ver­öf­fent­licht. In dem mehr als 3600 Seiten umfas­sen­den Bericht, an dem 270 Wis­sen­schaft­le­rin­nen und Wis­sen­schaft­ler aus 67 Län­dern mit­ge­ar­bei­tet haben, kommen die Autorin­nen und Autoren zu dem Schluss, dass die Mensch­heit bei jedem wei­te­ren Zögern ein klei­nes und sich schnell schlie­ßen­des Zeit­fens­ter ver­pas­sen werde, um eine lebens­wer­te und nach­hal­ti­ge Zukunft für alle sicher­zu­stel­len (“Any fur­ther delay in con­cer­ted anti­ci­pa­to­ry global action on adap­t­ati­on and miti­ga­ti­on will miss a brief and rapidly clo­sing window of oppor­tu­ni­ty to secure a liveab­le and sus­tainab­le future for all“; IPCC, Cli­ma­te Change 2022. Sum­ma­ry for Poli­cy­ma­kers, p. 35).

Obwohl man in den Wald hin­ein­rief, schall­te es kaum heraus

Dass dieser Appell ange­sichts der schreck­li­chen Nach­rich­ten und Bilder aus der Ukrai­ne nicht die ihm eigent­lich gebüh­ren­de Reso­nanz in den Medien fand, ist sicher­lich nach­voll­zieh­bar. “Keiner hörte, was der IPCC diese Woche zu sagen hatte”, kon­sta­tier­te Anfang März Joa­chim Müller-Jung (FAZ) in einem Kom­men­tar zum IPCC-Bericht mit dem Titel “Wie die Welt in ihre teu­ers­te Kata­stro­phe tau­melt”. Eines zeigt der Kli­ma­be­richt aber ganz deut­lich: Trotz all der ande­ren Bedro­hun­gen, der sich die Welt der­zeit aus­ge­setzt sieht, duldet die Lösung der Kli­ma­kri­se keinen Auf­schub. Der beste Zeit­punkt für nach­hal­ti­ges Han­deln ist JETZT. Tref­fend for­mu­liert hat das auch Markus Tressel in seinem bei Lin­kedIn und hier auf der Tre­pu­bli­ca-Seite ver­öf­fent­lich­ten Bei­trag: “Die dro­hen­de Kli­ma­kri­se wird keine Rück­sicht darauf nehmen, dass wir uns jetzt auch ande­ren Krisen, Kata­stro­phen und sinn­lo­sen Krie­gen zuwen­den müssen“.

Nach­hal­tig­keit – ein Begriff aus und für Krisenzeiten

Nach­hal­tig­keit ist kein Schön­wet­ter­kon­zept, das man mal so neben­bei umset­zen kann, wenn sonst nichts ande­res auf der poli­ti­schen oder unter­neh­me­ri­schen Agenda steht. Dass vor­aus­schau­en­des nach­hal­ti­ges Denken und Han­deln auch in düs­te­ren Zeiten mög­lich ist, zeigt ein Blick auf die Geschich­te des Begriffs, der erst­mals Anfang des 18. Jahr­hun­dert belegt ist. In jenen frühen Jahren des 18. Jahr­hun­derts herrsch­te in Europa Krieg, genau­er gesagt waren es gleich zwei Kriege, die von den dama­li­gen euro­päi­schen Mäch­ten aus­ge­foch­ten wurden und unter denen die euro­päi­sche Bevöl­ke­rung zu leiden hatte: Im “Großen Nor­di­schen Krieg” (1700–1721) rang Schwe­den gegen Russ­land, Däne­mark-Nor­we­gen und Sach­sen-Polen um die Vor­herr­schaft im Ost­see­raum und im “Spa­ni­schen Erb­fol­ge­krieg” (1701–1714) kämpf­ten Frank­reich und die öster­rei­chi­schen Habs­bur­ger mit ihren jewei­li­gen Ver­bün­de­ten im “ersten Welt­krieg des 18. Jahr­hun­derts” um die Nach­fol­ge auf dem spa­ni­schen Königs­thron. Oben­drein wurde Europa in den Jahren 1708–1714 noch von der Pest heim­ge­sucht, der Schät­zun­gen zufol­ge ins­ge­samt mehr als eine Mil­li­on Men­schen zum Opfer fielen. In dieser düs­te­ren Zeit ver­öf­fent­lich­te Hans Carl von Car­lo­witz, seines Zei­chens Ober­berg­haupt­mann in Sach­sen, der in dieser Funk­ti­on auch zustän­dig für die Holz­ver­sor­gung der säch­si­schen Berg­wer­ke und Hütten war, sein Haupt­werk “Syl­vicul­tu­ra oeco­no­mi­ca”. Darin ent­wi­ckelt und beschreibt er aus­führ­lich das auch heute in der Forst­wirt­schaft noch gül­ti­ge Nach­hal­tig­keits­prin­zip, dem­zu­fol­ge sich der Holz­ver­brauch im Rahmen dessen bewe­gen müsse, was der Wald “zu zeugen und zu tragen vermag” (Car­lo­witz 1713, p. XI; vgl. hierzu auch Tressel 2022, p. 96, sowie – aus­führ­lich zum Nach­hal­tig­keits­be­griff und zum Leben und Werk von Car­lo­witz – Grober 2013, 112–120). Car­lo­witz schrieb sein Buch nicht nur in Zeiten krie­ge­ri­scher Aus­ein­an­der­set­zun­gen, son­dern auch in Zeiten einer dro­hen­den Res­sour­cen­kri­se, die den damals wich­tigs­ten Roh­stoff Holz betraf. Wo dieser Roh­stoff knapp wurde, ver­lo­ren die Men­schen eine wich­ti­ge Exis­tenz­grund­la­ge. Holz­man­gel in der Heimat war nach­weis­lich einer der Gründe, warum bei­spiels­wei­se Men­schen aus Süd­west­deutsch­land im späten 18. und 19. Jahr­hun­dert – also viele Jahr­zehn­te nach­dem Car­lo­witz eine “nach­hal­ten­de Nut­zung” des Roh­stof­fes Holz ange­mahnt hatte –, nach Ame­ri­ka aus­wan­der­ten (vgl. Grewe, 2004, 46 n. 63).

Die Zeit zum Han­deln ist jetzt

Der kürz­lich ver­öf­fent­lich­te Teil­be­richt des Welt­kli­ma­ra­tes zeigt deut­lich, dass die kli­ma­po­li­ti­schen Her­aus­for­de­run­gen, vor denen wir im 21. Jahr­hun­dert stehen, glo­ba­ler, viel­fäl­ti­ger, kom­ple­xer, gleich­zei­tig aber nicht weni­ger dring­lich sind als zu Car­lo­witz’ Zeiten. Daher kann die ein­zi­ge Ant­wort auf die Frage “Was können wir tun?” nur lauten: “Han­deln, und zwar jetzt, gerade jetzt und trotz allem jetzt!”

Lite­ra­tur

Car­lo­witz, Hans Carl von: Syl­vicul­tu­ra oeco­no­mi­ca, oder hauß­wirth­li­che Nach­richt und natur­mä­ßi­ge Anwei­sung Zur Wilden Baum-Zucht, Leip­zig, Braun, 1713.

Grewe, Bernd-Stefan: Der ver­sperr­te Wald. Res­sour­cen­man­gel in der baye­ri­schen Pfalz (1814–1870), Köln/Weimar/Wien, Böhlau, 2004.

Grober, Ulrich: Die Ent­de­ckung der Nach­hal­tig­keit. Kul­tur­ge­schich­te eines Begriffs, Mün­chen, Kunst­mann, 2013.

Tressel, Thomas: Mehr Ver­ant­wor­tung wagen. Warum Cor­po­ra­te Social Respon­si­bi­li­ty mehr ist als nur drei Wörter, Nor­der­stedt, BOD, 2022.